Umgang mit schwierigen Mitarbeitenden – Ein Beispiel

Der Vorarbeiter im Bauhof. Herr Öztürk stellt fest, dass einer seiner Mitarbeiter mehrfach von Kollegen in der Mittagspause gesehen wurde, wie er am Kiosk Bier trinkt. Er hat sich für heute vorgenommen, mit dem Mitarbeiter zu sprechen.

Er macht einen Termin und bestellt den betroffenen Kollegen Michael dazu ein.

„Michael, komm rein setz dich. Wir müssen was besprechen. Kollegen haben mir zugetragen, dass du in der Mittagspause mehrfach am Kiosk gesehen wurdest, wie du Bier getrunken hast.

Michael setzt an, zu widersprechen und fragt: „Wer hat das behauptet?“

Der Vorarbeiter bleibt ruhig und sagt: „Das tut überhaupt nichts zur Sache!“

Michael wird emotional und sagt: „Doch!  Ich lasse mich nicht verleumden. Ich habe das Gefühl, die Kollegen haben mich sowieso auf dem Kieker, weil ich schneller arbeite und in der gleichen Zeit viel mehr erledigt bekomme als sie!“

Öztürk bleibt ruhig und widerspricht nicht, bestätigt aber auch nicht das Eigenlob von Michael.

„Michael, du weißt genau, dass Alkohol strikt verboten ist. Und außerdem gefährdest du deinen Führerschein, wenn du nachmittags mit unserem Lieferwagen zurück zum Bauhof fährst. Egal, wie schnell du arbeitest, das kann ich nicht akzeptieren und werde es auch nicht durchgehen lassen.“

Michael steht erregt auf: „Dann gehe ich zum Bereichsleiter. Das lasse ich mir nicht gefallen. Diese Verleumdung!‘

Er geht raus und schlägt die Tür hinter sich zu.

Am nächsten Morgen wird Herr Öztürk zum Bereichsleiter Herrn Kirchhoff gerufen, und dieser relativiert das Verhalten von Michael, indem er sagt: „Herr Öztürk, wenn sie es nicht selbst gesehen haben, bringt diese Diskussion mit Michael nichts. Ich habe ihn daher ermahnt, aber gesagt, dass es momentan keine weiteren Konsequenzen gibt.“

Öztürk ist frustriert. Er geht zurück in sein Büro, um nachzudenken. Da fällt ihm ein Beispiel ein, das er neulich auf einem Seminar gehört hat, und er macht einen neuen Anlauf bei Herrn Kirchhoff.

Am nächsten Tag. „Herr Kirchhoff, darf ich mal kurz ihr Flip-Chart benutzen?“ Er zeichnet zwei große und eine kleine Strichfigur und sagt: „Stellen Sie sich bitte folgende Situation vor: Das Kind geht zur Mutter und bittet um fünf Euro für die Kirmes. Die Mutter sagt nein, mit der Begründung, dass, wenn an Taschengeld alle ist, dann ist es eben alle. Als der Vater spätnachmittags nach Hause kommt, geht das Kind zum Vater und fragt diesen. Der Vater gibt dem Kind fünf Euro für die Kirmes.

Dann umrandet Herr Öztürk das Kind, was vorher zwischen den Eltern stand, und malt einen dicken Pfeil bis auf die Schultern des Vaters, wo er das Kind dann auf die Schulter des Vaters setzt. Dann sagt er zu Herrn Kirchhoff: „Sehen Sie, Chef, das ist genau das, was auch passiert, wenn sie Michael nicht zu mir zurückschicken, sondern (in gutem Glauben) versuchen, die Sache selbst zu regeln. Was glauben Sie, wie sich die Mutter in meinem Beispiel fühlt?“

Herr Kirchhoff wirkt genervt und sagt: „Was hat denn das mit unserem Fall zu tun, Herr Öztürk“

„Ich war doch neulich auf dem Führungs- Seminar und dieses Beispiel habe ich mir gut gemerkt, weil es sinnbildlich steht für uns beide und Michael. In dem Moment, wo sie Michael nicht zu mir zurückschicken oder zumindest ein Gespräch zu dritt veranschlagen, bekommt Michael plötzlich mehr Macht als ich in unserem kleinen System hier.“

Herr Kirchhoff versucht einzulenken: „So habe ich das doch nicht gemeint Herr Öztürk. Und überhaupt, ich war in Eile!“

„Das glaube ich Ihnen beides gerne, nur, wenn wir das nicht unter uns klären und zukünftig am gleichen Strang ziehen, werden wir erleben, dass auch in anderen Fällen Kollegen lieber zu Ihnen gehen als zu mir. Das wird mich als Führungskraft desavouieren.“

Herr Kirchhoff denkt eine Weile nach und bietet folgendes an: „Ich glaube, ich habe es verstanden. Lassen Sie uns morgen einen Termin mit Michael machen und die Sache noch einmal zu dritt besprechen. Ich verspreche, dass ich Sie – als direkte Führungskraft – sprechen lasse. Ich werde zwar dabei sein, mich aber zurückhalten.“

Herr Öztürk ist zwar noch etwas misstrauisch, stimmt aber zu und sagt: „Danke, dass Sie mich verstehen. Ich würde mich freuen, wenn Sie bei einem ähnlichen Fall den Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin direkt zu mir zurückschicken und bitten, das mit mir zu klären.“

Die Beide verabschieden sich mit Handschlag.

Gleich nach der Mittagspause lässt Herr Öztürk nach Michael rufen und bittet ihn, hereinzukommen und die Tür zu schließen. „Michael, ich habe mich mit Herrn Kirchhoff deinetwegen abgestimmt, und wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass ausnahmsweise (und ich betone: ausnahmsweise!) die Vorfälle mit dem Bier in der Mittagspause ohne Konsequenzen bleiben. Allerdings werde ich die Sache beobachten und, bei dem kleinsten Anzeichen einer Wiederholung, geben wir Dir eine Abmahnung. Das ist so mit Herrn Kirchhoff abgestimmt. Den Weg zu ihm kannst Du Dir das nächste Mal sparen, denn wir werden uns ab sofort bei jeder Entscheidung mein Team betreffend abstimmen, bevor irgendeine Entscheidung fällt. Jetzt bitte ich Dich, Deine Arbeit wieder aufzunehmen. Wenn Du merkst, dass Du es ohne Alkohol nicht schaffst, komm zu mir, und wir finden eine Lösung.“

Analyse

Durch das einfache Beispiel mit Vater, Mutter und Kind, ist es Herrn Öztürk gelungen, seinem Chef klarzumachen, was es in einem solchen System heißt, wenn die nächsthöhere Führungsebene ohne Absprache Entscheidungen des Vorarbeiters zurücknimmt oder anders entscheidet.

Solche Fälle (die uns von Teilnehmenden an unseren Seminaren genannt werden) helfen, Führungskräften zu verstehen. Ziel ist, sich den nötigen Respekt zu verschaffen, ohne dabei weitere Konflikte hervorzurufen.